ASYNCHRON.

Zerfall unserer Kindheit. Plastikerinnerungen.



Zuckerwatte. Alles ist so neblig weiß. Puderzucker überall. Untergraben die bunten Farben. Umhüllt von Dunst. Geschichten flüstern durch das Grau. Durch die blinden Blicke der Figuren. Die goldenen Stangen wickeln sich um sich selbst, verlaufen in Patina, um am Ende abgebrochen im Rost in der Decke zu stecken. Aufgespießt daran die Pferde. Stumme Schreie brechen aus den groben Metallmündern heraus. An ihnen nagt der Verfall. Der Regen, messerscharf, hat tiefe Rillen in die Haut gebrannt. Die Augen schwarz, dunkel und tot. Einzig lebend scheinen die flackernden Glühbirnen. Langsam, im Takt der letzten schlagenden Herzen, der im Kreis trabenden Plastikpferde. 

So kriecht es vor sich hin, angeschoben für ein paar Schritte, bleibt stehen und kehrt zurück. Verloren die Kinderlachen darin - werfen sich gegen die rot-weißen Wände, um am verwirrteren Holz tanzend hängen zu bleiben. Eingegraben der Korpus des Karussells in den verwehten Sand. Die Maschinerie ermüdet und vom Glanz des Vorhangs nur noch Fetzen übrig. 
Die Zeit erhaben genug die Geschichten aus dem Holz, dem Metall und den schreiendem Plastik herauszuarbeiten. Dabei das Glas der Lampen zertrümmernd, die Feinheiten der Zuckerwatte-Bemalung unter sich begrabend. Die Schweife verrottet, ausgerissen und verflochten mit dem dreckigen Metall der Stangen. Bilder verölt, heraus geschnitten und zerfetzt im Inneren dem Zerfall freigegeben. Das Gold schien, einmal, als der Honig der Sonne sich darin brach. Die Mitte taub und blind vom Wetter. Rot nur noch Rosa, Weiß zu Gelb, wie einst die abertausend Lichter, die damals um die We(a)tte tanzend. 
Ächzend versuchen die Pferde vorwärts zu traben. Versuchen den Widerstand der Zeit zu überwinden, doch ihre Körper zu schwer, gehalten durch die Stangen durch ihre Mitte. 
Hier und da fühlen sie noch die Wärme der letzten Kinderhand, die sie ritten, sich treiben ließen im Kreis dieser winzigen Welt aus Zuckerwatte. Gold, Lichter, Farben und Kinderlachen. 
Und wenn sich nun eines der alten Rösser befreit? Aus seiner Plastikhülle reißt, über die Stangen hinweg springt und sie alle mit sich nimmt? 
Verstummen dann die blinden Schreie? 
Reißen sie sich los, dreht das Karussell dann schneller oder bleibt es gänzlich stehen? 
Sie fassten doch so ewig Hand in Hand. Das Holz, das Metall, die Farben und das Plastik der stummen Pferde. Die verwaschene Schrift an der Hülle des Daches beschreibt ihre frühere Geschichte. Erhält sie durch die Zeit hindurch, auch wenn sie sich nicht mehr im Auf und Ab der verzerrten Musik im Galopp um sich selber kreiseln. 

Die dumpfen Schläge der Zahnräder, die ineinander krachen, bevor es sich zu drehen beginnt, wie ein Aufschrei. Könnten sie nur frei sein, sich zu drehen und zu winden, Runde um Runde die Zeit hindurch. Vielleicht rückgängig machen könnten, damit aus grauem Puderzucker auf den Rücken der Pferde wieder Zuckerwatte in Kinderhänden werden würde. Doch stehen sie ächzend unter der löchrigen Plane des Zirkusdaches und warten auf den eigenen Zerfall. Abgebrochene Hufe, eingeschlagene Rümpfe, hier und da ein Korpus durch der, der Wind pfeift. Ihre ausgewaschenen Münder flehend, diesem Bild ein Ende zu setzen. 
Möge doch nur noch einmal dieses Karussell seine Kreise drehen, damit das Gefühl der Übermütigkeit wieder durch die Lichter zieht, durch die Körper der Rösser geatmet und durch die Augen heraus perlen kann. Die letzten Tränen, rot, aus den Rinnsalen des Plastiks auf das Holz tropft und im Boden darunter versinken. Endlich zur Ruhe finden können, um im Dunst zu zergehen, im Verfall ihr Opfer bringen und dann nur noch in den Träumen leben. Herzschlag um Herzschlag verenden unter dem Staub und der Patina. 
Unsere Helden der Kindheit.




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1 Kommentare :

  1. Interessante Bilder und Worte...
    Sehr intensive Stimmung, die du erzeugst...

    LG
    Jason Darkstone

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